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Foto: Thaddeus Herrmann

Dieser Mann bringt die Rille in die Schallplatte – Stefan Betke schneidet Vinyl 

Wie kommt eigentlich die Rille in die Schallplatte? Wir könnten die Maus fragen, klar, warum denn aber nicht jemanden, der genau diesen Prozess vor über 20 Jahren zu seinem Beruf gemacht hat?

Von Thaddeus Herrmann

Gesagt, getan. Denn das Vinyl, das ihr im Laden kauft, hat eine lange Reise hinter sich. Und die beginnt zum Beispiel in einem Berliner Dachgeschoss – bei Stefan Betke.

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 Foto: Thaddeus Herrmann

Es gibt Dinge, über die macht man sich in der Regel keine großen Gedanken. Man kennt sie, man ist auf sie angewiesen, sie funktionieren. Es wird schon Menschen geben, die sich darum kümmern, denkt man dann. Aus den Augen, aus dem Sinn. Dabei steckt hinter vielen Alltäglichkeiten nicht nur großartiger Erfindungsreichtum, sondern auch jede Menge Handwerkskunst, ja ganze Berufe, die mitunter nicht ganz einfach zu erklären sind. Das gilt auch für die Schallplatte: Ihre Wertschöpfungskette ist lang, mitunter kompliziert und benötigt Technik, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Bevor das Vinyl hergestellt wird – Auskenner*innen nennen das „gepresst“ –, muss zuallererst die Rille auf die Platte. Und für diesen Prozess ruft man Menschen wie Stefan Betke an. Oder schickt ihm eine E-Mail, denn zum Telefonieren hat er eher wenig Zeit. Das Geschäft brummt.

Made in Berlin

„Das ist sie, die Neumann VMS 70. Neumann ist ein altes Berliner Unternehmen und war einer der ganz wenigen Hersteller solcher Maschinen weltweit. Diese Anlage hier wurde 1974 gebaut. Bei mir ist sie seit zwölf Jahren im Einsatz. Bis auf wenige technische Modifikationen, ist sie im Originalzustand. Es ist eines der letzten Exemplare dieser Baureihe, die in Berlin-Charlottenburg gebaut wurde. Zwar wurde noch ein weiteres Modell entwickelt, die VMS 80, aber dann kam die CD.“
 
Die Maschine sieht aus wie eine amtlich-monströse Drehbank aus einem alten Sciene-Fiction-Film, in dem besonders auf das Design geachtet wurde. Durch und durch futuristisch, aber eben doch irgendwie vertraut. Welche Werkzeuge haben heutzutage schon noch ikonischen Style? Ein riesiger, massiver Korpus, unwirtlich anmutende Knöpfe, dazu ein „Plattenteller“, mit dem man einen SUV zerstören könnte. Und oben ein Mikroskop und der so genannte „Schlitten“, auf dem der Schneidekopf sitzt – mit dem Stichel, der die Musik aus der Folie herausschneidet – oder in sie hinein.

Der Schneidestichel macht die Rille

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 Foto: Thaddeus Herrmann

„Drücke ich an einem Fotoapparat den Auslöser, wird der Film belichtet. Daraus entsteht ein Negativ, was dann auf Fotopapier das Motiv abbildet, das ich einfangen wollte – es wird also wieder zum Positiv. Wenn in eine Schallplatte auflege, tastet die Nadel die Rille ab und schickt diese Information zum Lautsprecher. Beim Schnitt schicke ich die Musik in den Verstärker der Anlage und die Nadel schneidet die Information in die Folie. Man kann das dann theoretisch sofort auf einem Plattenspieler wieder abhören. Aber diese Folie ist sehr weich und wird erst im Presswerk weiterverarbeitet. So entstehen dann die Schallplatten.“
 
Klingt einfach und ist es im Prinzip auch. „Der Vergleich mit der Drehbank von Schreiner*innen ist durchaus passend. Der Plattenteller dreht sich, ich positioniere den Schlitten, senke ihn ab, drücke auf Start und die Musik kommt auf die Folie“, sagt Betke. „Das Tolle ist, dass man die Musik hinterher wirklich sehen kann. Natürlich ist die Rille mit bloßem Auge sichtbar, ein Blick durch das Mikroskop zeigt uns die Rille aber in Nahaufnahme. Das ist total wichtig, weil man erst so etwaige Fehler erkennen kann.“

Ein Blick durch das Mikroskop zeigt, ob die Rille passt oder nicht 

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 Foto: Peter Baumeister, Edit: Bianca Strauch

Denn eine Rille ist nicht gleich eine Rille. Sie braucht mal mehr Platz, mal weniger, je nachdem, wie die Musik klingt – und wie laut sie ist. „Vinyl ist kein perfektes Medium“, sagt Betke und lacht. „Es gibt ein paar Einschränkungen, die einfach technisch bedingt sind. Man hört ja oft die Frage, warum nicht mehr Musik auf eine Seite passt. Das lässt sich plastisch erklären: Eine Schallplatte hat 30 cm Durchmesser. Davon lassen sich nur 26 cm mit Musik füllen – der Rest geht drauf für das Etikett in der Mitte und die Ein- und Auslaufrille. Der Platz ist also begrenzt. 

Übersetzt auf Rock- oder Indie-Musik, ergibt sich so eine Spielzeit von rund 20 Minuten pro Seite – mit ein bisschen Luft nach oben. Je mehr Lautstärke ich aber in der Musik haben möchte, desto geringer wird die Laufzeit. Das trifft auch auf Musik zu, die sehr ausgeprägten Bass hat. Lautstärke und Bass bedeuten einfach gesagt mehr Information. Und mehr Information braucht mehr Platz. Also muss die Rille weiträumiger laufen. Macht man hier einen Fehler, kann es zu Hängern kommen. Das bedeutet, dass sich die Rille einer Umdrehung mit der der vorherigen berührt. Damit kommt die Nadel nicht zurecht. Eigentlich regelt das die Maschine selbst. Der eingebaute Computer analysiert die Musik und realisiert, dass nun viel Bass kommt und lässt die Antriebswelle schneller laufen. Und so verliere ich Platz. Das ist auch der Grund, warum Platten für den Club – also Techno, House oder HipHop – weniger Stücke auf einer Seite haben.“
 
Ändern lässt sich das nicht mehr. Die Maschine von 1974 funktioniert, Weiterentwicklungen finden jedoch nicht statt. Auch wenn im Kleinen an einer neuen Schneidetechnik geforscht wird – mit Laser. Ob das funktionieren wird, ist jedoch noch nicht klar.

Der Schlitten mit genauen Angaben zu Laufzeit etc. 

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 Foto: Thaddeus Herrmann

Jedes Genre braucht eine individuelle Technik. Womit wir beim Handwerk wären. Inmitten von technischen Limitierungen – sowohl von der Maschine als auch vom finalen Abspielmedium bedingt – ist es wichtig, dass Menschen wie Stefan Betke analytisch kreativ sind. 

Jede Art von Musik braucht ganz eigene Aufmerksamkeit. Egal ob Singer/Songwriter, Club oder Klassik. Ich kann nicht alles 1:1 reproduzieren.

~Stefan Betke

“Es kann ja auch nur eine ganz kurze Stelle betreffen, die nicht gut klingt. Das muss ich immer im Blick bzw. im Ohr haben. Zu 100 % kann ich nie vorhersagen, ob alles passt. Das hängt auch mit äußerlichen Bedingungen zu tun. Es kann sein, dass ich im Winter einfach eine andere Temperatur im Studio brauche, die Luftfeuchtigkeit spielt eine Rolle – das Thema ist komplex und die Technik eigen.

Dazu kommt, dass sich Musik immer weiterentwickelt. Moderne Produktionen von Künstler*innen, die vielleicht noch Berührungen mit der durchweg analogen Welt des Vinyls hatten, stoßen hier immer wieder an physikalische Grenzen. „Da muss man ehrlich sein“, sagt Betke, der selbst unter dem Künstlernamen Pole seit Ende der 1990er-Jahre produziert und veröffentlicht – in der elektronischen Musik. „Ich versuche einfach, die Musik so originalgetreu zu schneiden wie möglich. Aber manchmal geht das einfach nicht. Dann muss man reden.“

“Stefan Betke ist Mastering-Engineer und Musiker. Sein aktuelles Album „Fading“ erschien im Dezember 2020 auf Mute.

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Foto: Ben de Biel

Reden muss man auch über das Medium als solches. Warum kaufen Menschen nach wie vor, bzw. wieder vermehrt Schallplatten? „Weil sich die CD erledigt hat. Das ist klanglich zu einem File auf dem Computer einfach kein Unterschied mehr. Die Schallplatte ist eine haptische Erfahrung. Und sie ist langlebig. Ich habe Platten aus den 1950er-Jahren, die ich noch spielen und hören kann. Und CDs aus den frühen 90er-Jahren, die einfach nicht mehr funktionieren. Ökologisch ist beides Mist. Aber die Schallplatte hält einfach länger.“

Technik, die begeistert

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Foto: Thaddeus Herrmann

Und wenn es um Kunst geht, ist diese Langlebigkeit entscheidend. Das Poster in der Bildenden Kunst, das Buch in der Literatur und die Schallplatte in der Musik: Was lange hält, bleibt länger verfügbar. Da nimmt man auch Unwägbarkeiten während der Produktion in Kauf. An manchen Tagen, so Betke, will die Maschine einfach nicht. Vielleicht ist es draußen ein Grad zu warm, oder ein internes Teilchen hat imaginäre Bauchschmerzen. Die Technik menschelt. Das ist natürlich gerade unter Zeitdruck nicht ideal, muss man aber akzeptieren. Wer weiß schon, was in einer Schreinerei an der Drehbank bei 35 Grad so passiert bzw. nicht passiert? Handwerk und Kreativität lassen sich nicht immer erzwingen. Umso dankbarer sollten wir sein, dass es Schallplatten immer noch – und immer öfter wieder – im Laden zu kaufen gibt. Alte Technik währt am längsten.


Noch mehr über Schallplattenkultur gibt es hier: Fotos aus Plattenläden aus der ganzen Welt und die Geschichte dahinter! 

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