This is image alt

Foto by Bernd Jonkmanns

Vinyl – die Renaissance der Schallplatte

Thaddeus Herrmann

Wer hätte vor 20 Jahren schon gedacht, dass heute, 2020, die Schallplatte wieder beliebter ist als die CD? Der analoge Tonträger hat nicht nur die diversen Krisen der Musikindustrie überlebt, sondern auch den Wandel hin zum digitalen Medienkonsum. Musik aus dem Netz zu streamen und dann auf 12" mit üppigem Artwork nachzukaufen, ist kein Widerspruch. Ganz im Gegenteil: Es belegt vielmehr, dass die Menschen einfach nicht glücklich werden, wenn alle physischen Medien Schritt für Schritt ins Digitale überführt werden. So gedeiht die Vinyl-Kultur heute wieder prächtig – und damit auch die der Plattenläden.

Zwar kaufen viele Fans ihre Scheiben auch online – der Plattenladen ist und bleibt jedoch nicht nur Verkaufsstelle für das „schwarze Gold“, sondern auch ein wichtiger Ort für den sozialen Austausch, für Fachgespräche über Musik, Labels und Künstler*innen oder einfach das gnadenlose Abnerden über Pressungen, Erinnerungen und jedwede Art von Memorabilia. Plattenläden sind für viele wie ein zweites Wohnzimmer, ganz egal, um welche Art von Musik es geht. „Man trifft immer die richtigen Leute“, sagt Bernd Jonkmanns. In seinem Buch „Recordstores“ hat der Hamburger genau diese Kultur fotografisch dokumentiert. Innerhalb von sechs Jahren fotografierte er mehr als 160 Läden – in 35 Ländern weltweit. Von Los Angeles, Minneapolis, New York, San Francisco über Reykjavík, Sydney, London, Rio de Janeiro, Sao Paulo bis nach Tokio. 

„Nach Japan bin ich auf eigene Faust und auf eigene Rechnung geflogen“, erzählt Bernd. „Es war frustrierend. Ich fand die ganzen Läden nicht.“ Bei Disk Union, einer japanischen Plattenladen-Kette, freundete er sich mit einem Mitarbeiter an – der sprach sogar deutsch. „Er erklärte sich bereit, mit mir gemeinsam auf die Suche zu gehen“, berichtet Bernd. „Er liebte Musik aus Deutschland und kannte sich extrem gut aus. Eine Bezahlung wollte er nicht – einen Drink am Abend, mehr nicht. Wir landeten dann bei Fuji Records, gegründet 1932. Das ist Japans ältester Plattenladen – immer familiengeführt.“

1.

FUJI RECORDS, TOKIO

This is image alt

Foto by Bernd Jonkmanns

Fujiko Ito war die Inhaberin von FUJI RECORDS. Sie arbeitete insgesamt 72 Jahre in diesem Plattenladen. Sie begann mit 16 Jahren – 1940. Später übernahm sie den Laden von ihren Eltern. Mit Musik kannte sie sich immer aus. Sie erinnert sich: „Damals rief man bei den Plattenfirmen an, um zu bestellen. Ich hing also am Telefon und orderte 6 Kopien von Led Zeppelin etc.“ Urlaub machte sie so gut wie nie: „4-5 Tage im Jahr“. 2018 starb sie – ein wandelndes Musiklexikon.
 
 „Mein Prinzip war es, in jedem Laden, den ich besucht habe, mindestens eine Platte zu kaufen. Dort habe ich japanische Soundtracks gekauft. Aber auch viel Brazil. Ich hatte den Eindruck, dass japanische Einkäufer schon vor Jahren nach Brasilien gefahren sind, um alle Sammlungen aufzukaufen. In Japan ist ja praktisch alles groß – auch Jazz.“

2.

TROPICALIA DISCOS, RIO DE JANEIRO

This is image alt

Foto by Bernd Jonkmanns

„Die Plattenladen-Landschaft in Brasilien ist unglaublich – aber natürlich findet man dort auch nicht mehr vornehmlich lokale Musik. João Gilberto zum Beispiel: Fehlanzeige. Das hat auch mit solchen Leuten zu tun. Er entpuppte sich als Holländer, der in Brasilien auf Einkaufstour war. Später traf ich ihn dann auf einer Plattenbörse in den Niederlanden wieder. Die ganze Szene hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Er arbeitete für einen Plattenladen in den Niederlanden, die auch viele Reissues machen, also Neuauflagen begehrter Titel.“

Mit dem Buchprojekt haben sich zahlreiche persönliche Freundschaften entwickelt zwischen dem Fotografen und den Menschen, die weltweit die Plattenläden betreiben. Persönliche Beziehungen sind wichtig – vielleicht sogar das Wichtigste überhaupt, wenn es um Musik geht. Reichlich beschenkt mit neuer, lokaler Musik, kehrte Bernd von seinen Reisen zurück. Dass wirklich alle Schichten weltweit Musik auf Vinyl kaufen und diese Kultur pflegen, zeigt sich vielerorts – exemplarisch in Tokio – bei Disk Union.

3.

DISK UNION, TOKIO

This is image alt

Foto by Bernd Jonkmanns

„Das ist ein ganz klassisches Szenario – ein junger Geschäftsmann oder Büro-Angestellter kommt in seiner Mittagspause schnell zu Disk Union und gönnt sich 7"s – wahrscheinlich Reggae. Das gibt die Atmosphäre gut wieder.“
 
Dass Plattenläden weltweit noch eine Relevanz haben, hängt auch damit zu tun, dass Online-Retailer wie Amazon eben nicht weltweit mitspielen. Die Niederlande sind ein Beispiel – dort funktionieren Plattenläden immer noch wunderbar, weil einer der größten Online-Konkurrenten einfach keinen Fuß in der lokalen Tür hat. Anders in England. Hier gibt es Amazon, aber: Die Plattenladen-Kultur war und ist hier so ausgeprägt, dass viele Shops überlebt haben – vor allem die speziellen. Das muss nicht unbedingt das Sortiment betreffen, sondern kann auch mit der Atmosphäre zu tun haben.

4.

MUSIC AND VIDEO EXCHANGE, SOHO LONDON

This is image alt

Foto by Bernd Jonkmanns

„Nerds sind den ganzen Tag mit ihrem Lieblings-Medium beschäftigt – wie hier in Soho.“
 
Music & Vinyl Exchange ist ein Beispiel dafür. Mit Filialen in Notting Hill Gate, Camden Town und – hier im Bild – mitten Soho. An- und Verkauf der besonderen Art. Die Läden sind weniger musealer Flohmarkt, sondern auch und vor allem Jagdgebiet für alle, die ganz neue Releases suchen, auch solche, die noch gar nicht veröffentlicht sind.

5.

RED EYE RECORDS, SYDNEY

This is image alt

Foto by Bernd Jonkmanns

Dass das vor allem ein Jungs-Business ist, scheint klar. Verkäufer und Käufer waren bis vor wenigen Jahren vor allem Männer. Doch mit der steigenden Popularität von Vinyl finden endlich auch Frauen wieder ihren Platz in der Szene. In Sydney bei „Red Eye“ kauft eine junge Frau eine Platte der US-Band Ween. „Für mich spiegelt das die aktuelle Situation und Atmosphäre wider – es kommen auch wieder Frauen und junge Menschen. Für sie ist es mittlerweile ganz normal, Schallplatten zu kaufen.“

6.

ROOKY RICARDO, SAN FRANCISCO, HAIGHT ASHBURY

This is image alt

Foto by Bernd Jonkmanns

In San Francisco erreicht das Nerd-Tum bei Rooky Ricardo das nächste Level. Der Laden in San Francisco ist ein Mekka für Soul-Fans. Hier werden ausschließlich 7"s verkauft. „Die Soul-Community ist unglaublich groß. Der Eigentümer hat viele Sammlungen aus Musikboxen aufgekauft. Hier treffen sich jeden Samstag die Freaks. Ob er mittlerweile einen Online-Shop hat oder nicht, weiß ich gar nicht.“
 
Für Bernd war interessant, wie sich die internationale Musikkultur mittlerweile verändert hat. Der Fokus hat sich verschoben. Traditionelle Musik aus bestimmten Ländern gilt mittlerweile vor Ort als uncool. So verschiebt sich der globale Fokus immer mehr. „Als Deutscher wird man immer gefragt, ob man Krautrock-Platten organisieren kann – das geht natürlich nicht mehr. Die lokalen Sammlungen sind weltweit verteilt. Man muss aufmerksam bleiben.“

7.

VINTAGE MUSIC, MINNEAPOLIS

This is image alt

Foto by Bernd Jonkmanns

Bei Vintage Music in Minneapolis werden nur Schellackplatten verkauft, dem Vorgänger des Vinyls. Und die passenden Plattenspieler bei Bedarf gleich mit.

„Was man auf dem Bild sieht, ist die Jazz-Abteilung. Country und Swing gibt es natürlich auch. Der Laden ist gar nicht so alt, der Eigentümer hat das aber so nachgebaut. In einen Plattenladen zu gehen, hat etwas von einem Kino-Besuch – man begibt sich in eine andere Welt. Es geht darum, eine eigene Welt zu erschaffen.“
 
Mit „Recordstores“ ist Bernd Jonkmanns ein Meisterstück geglückt. Er dokumentiert eine Szene, die diverser nicht sein könnte. Beim Vinyl geht es nicht zwingend darum, das zu kaufen, was man auf dem Zettel hatte – es geht darum, Dinge zu entdecken. Und dafür ist die Atmosphäre in den Shops ganz entscheidend. Vom Mainstream zum Special Interest: Nur wo man sich wohlfühlt, kauft man auch gerne ein. Denn Vinyl schweißt zusammen. Die Liebe zum Format eröffnet Freundschaften, die sonst kaum denkbar gewesen wären.

 ÜBER DEN FOTOGRAFEN

Bernd Jonkmanns (*1966) ist freier Fotograf und lebt in Hamburg. Er arbeitet u.a. für Stern, Spiegel, National Geographic, Merian, Lufthansa und die SZ. Seine erste Platte kaufte er mit 14 Jahren, ein Album von The Police. Danach gab es kein Halten mehr. Er trampte regelmäßig von seiner Heimat am Niederrhein aus nach Amsterdam, um Importe zu ergattern. „Ich war süchtig nach Vinyl“, erinnert er die damalige Zeit. Bis in die frühen 1990er-Jahre baute er eine große Sammlung auf. 

Die Idee zu „Recordstores“ entstand 2010 aus ganz persönlichen Gründen. Er wollte seine Lieber zur Musik im Allgemeinen und zum Vinyl und Plattenläden im Besonderen für seinen Sohn festhalten, der damals gerade sechs Jahre alt war. Zu dieser Zeit war das Sterben der Plattenläden dramatisch. Zunächst fotografierte er Läden in Hamburg – immer nach dem gleichen Prinzip, also nicht nur Regale, sondern auch die Eigentümer*innen. Immer dann, wenn er internationale Foto-Aufträge hatte, hängte er privat ein paar Tage Aufenthalt dran, um in Plattenläden zu kaufen und zu knipsen. Das Buch erschien 2016 und das Projekt geht weiter: Immer wenn Jonkmanns reist und die Zeit es zulässt, besucht er Plattenläden – und nimmt seine Kamera mit.

DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN

Southern Comfort Jelly shots!
Southern Comfort Jelly shots!

Ein Dessert mit dem gewissen Extra und der absolute Geheimtipp für die nächste Party – ob remote oder bald endlich wieder live!

Jan-Peter Wulf, Rezept: Julia Radtke

On The Rocks –  Musik die bewegt: Heute: Christine Ott
On The Rocks – Musik die bewegt: Heute: Christine Ott

Filmische Kompositionen, fast vergessene Instrumente. Christine Ott hat mit “Time To Die” eines der interessantesten Alben der ersten Jahreshälfte veröffentlicht.

Leonie Brooks

5 Kochbücher für mehr Spaß und Erfolg in der Küche
5 Kochbücher für mehr Spaß und Erfolg in der Küche

Kochen ist sexy und macht richtig Spaß, das entdecken immer mehr Menschen. Und in Zeiten wie diesen ist es auch ein perfektes Hobby – man is(s)t viel zu Hause und verwöhnt sich und seine Lieben selbst.

Jan Peter Wulf

This is image alt
Logo alt

GENIESSEN IST ETWAS FÜR KENNER…  

This is image alt

Unser milder Whiskey wird seit über 140 Jahren hergestellt. Eben seit unser Geschäftsgründer, M.W. Heron, 1874 den „Grand Ole´Drink of the South“ kreierte. Schon damals pflegte er gern „keiner so echt wie meiner” zu sagen. Genau das trifft auch heute noch zu, wenn sich Whiskey-Liebhaber weltweit für den unverwechselbar mild-würzigen Geschmack entscheiden. 

This is image alt
This is image alt